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Kernsanierung der Stadthalle Göttingen - Neugestaltung der Fassade

1. Preis Wettbewerb und Beauftragung, 2018

Identität

 

Die Stadthalle Göttingen besteht seit 54 Jahren (Bj. 1962-64, Architekt Rainer Schell, Wiesbaden). Das Gebäude mit der einmalig markanten Fassade aus bunten Kacheln stiftete und stiftet Identifikation für zahlreiche Generationen von Bürgern und ist ein Anker im Göttinger Osten. Die Kacheln müssen nun wegen konstruktiven Mängeln rückgebaut werden. In diesem Zuge soll die tragende Betonaußenwand saniert und gedämmt werden. Der vorgelegte Entwurf unternimmt kein Tabula Rasa sondern widmet sich dem Vorgefundenem. Der Fokus wird auf die Fortschreibung der vorhandenen Qualität der Architektur und die Beachtung einer energetischen Ökonomie gelegt. Die klare Typologie schafft Identität im Sinne von Erkennbarkeit. Das Gebäude, das dem Nutzer wie Betrachter seine spezifischen Merkmale offenbart, leistet den Eindruck des Selbstverständlichen.

 

 

Die exakte Verlegung der Fassadenkacheln nach Rainer Schells Vorgaben folgt scheinbar keinem logischen System. Unserer Auffassung nach jedoch war das Ziel des Entwurfs ein differenziertes Erscheinungsbild der Stadthalle je nach Betrachtungsabstand zu erzeugen - ein Spiel der Textur-Maßstäbe. Von Weitem wirkt die Fassade farblich flächig - ähnlich einer Rastergrafik (vgl. Halbton-/ Dither-Verfahren). Während der Annäherung zeigt sich ein differenziertes und heterogenes Farbspiel, was durch die geometrischen Reliefs noch verstärkt und erweitert wird. Vergleiche zu der Stadt als einheitliches Gefüge und dem Bürger als Individuum erscheinen weit hergeholt, entsprechen aber der Typologie Stadthalle als Gute Stube der Bürger. Das damals viel und heftig diskutierte Bronzerelief „Die Stadt“ des Bildhauers Prof. Jürgen Weber, welcher durch den Architekten Rainer Schell für die „Kunst am Bau“ bewusst ausgesucht wurde „stellt nach Meinung des Städtischen Museumsleiters Dr. Rabe die „Stadien der Gesellschaftsbildung: Einzelner –Paar – Gruppe – Masse“ dar.“ (DIE ZEIT, 25.09.1964)

Wettbewerb Fassade Stadthalle Göttingen
Wettbewerb Fassade Stadthalle Göttingen

Umsetzung

 

Die Kacheln werden kartiert, behutsam demontiert, gesäubert und archiviert. Während die tragenden Außenbauteile und das Dach saniert werden, werden Fertigbauteile aus Beton maßgenau produziert. Im Verbund mit der bestehenden Tragschale aus Stahlbeton und einer Kerndämmung gemäß den energetischen Anforderungen bildet die neue Sichtschale eine hoch robuste und widerstandsfähige Sandwichkonstruktion, die sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Aspekte der Nachhaltigkeit voll erfüllt.

Durch den Verlust von Kacheln bei der Demontage und durch Flächenvergrößerungen der Fassade durch Dämm- und mögliche Erweiterungsmaßnahmen kann diese nicht vollständig mit originalen Kacheln bekleidet werden. Die neue Gestaltung negiert nicht den Verlust, sondern macht sich diesen Umstand zu Nutze. Der Systematik Rainer Schells folgend, werden die vorhandenen Kacheln ihrer Farbigkeit und Reliefgeometrie nach verteilt und bündig in die neue, als Matrize fungierende, Sichtschale intarsienartig eingesetzt. Die vermeintlichen Fehlstellen werden sichtbar. Als erweitertes Gestaltungsprinzip wird das Quadrat als neue Refiefgeometrie in den sichtbaren Betonflächen etabliert. Sie werden zu Spuren der Vergangenheit und verbinden das Gestern mit dem Heute in der Vervollständigung der drei geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat.

 

 

Die der skulpturalen Wirkung des Stadthallen-Volumens entgegenstehende horizontale Artikulierung des Sockel- und Attikabereichs durch Verwendung weißer Kacheln wird zurückgenommen. Die farblich losgelösten weißen Kacheln werden zur Bekleidung der additiven Elemente Vordach und Anlieferung verwendet.

Der Saalkopf wird dem Bestand folgend mit einer ökonomischen Trapezblech-Wärmedämmung-Sandwichkonstruktion bekleidet. Hierbei wechselt allein die Farbe von weiß zu schwarz - als Hervorkehrung und Zeichen des darunter liegenden Bühneninnenraums nach Außen.

 

 

Stahlbetonwand Bestand

Wärmedämmung

Reliefbeton-Sichtschale

Kacheln Bestand

Wettbewerb Fassade Stadthalle Göttingen

Sandwichkonstruktion

Saal

Bauherr: Stadt Göttingen, vertreten durch den Eigenbetrieb Stadthalle Göttingen

Nutzer: GWG - Wirtschaftsförderung Göttingen, Veranstaltungsmanagement

Integrale Objektplanung: SSP AG, Bochum/ Karlsruhe

Tragwerksplanung: Draheim Ingenieure, Hamm

Medienplanung: MESO Digital Interiors, Frankfurt

Bühnentechnik: Hochmuth + Beyer, Ettlingen

Akustikplanung: Akustikbüro Göttingen

Küchenplanung: IVT - Ingenieurgesellschaft für Verpflegungstechnik, Karlsruhe

Brandschutz: HHP Nord/ Ost, Braunschweig

Visualisierung: loomn, Gütersloh

Projektbeteiligte: